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Der Mittwoch - 21. Oktober 2015
Der Mittwoch - Ausgabe Pinneberg
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„Ohne Hilfe
wären wir verloren“
In Appen sorgen Betreuer dafür, dass Flüchtlinge den Alltag bewältigen
Appen

Ein kleines Schild mit der Aufschrift „Gästehaus“ hängt neben dem Eingang des Gebäudes an der Hauptstraße in Appen, direkt hinter dem Golfpark Weidenhof. Vor der Tür stehen zahlreiche Fahrräder. Bei schönem Wetter laufen Sportler mit ihren Golftaschen vorbei und werfen neugierige Blicke auf das unscheinbare Haus an der Grenze zwischen Pinneberg und Appen, das für die drei syrischen Flüchtlinge Hosram Biazed (23), Mohammad Helmee Abakri (24) und Ammar Homsi (50) viel mehr als eine provisorische Unterkunft ist.

Hier kommen sie nach einer abenteuerlichen Flucht wieder zur Ruhe. Hier wissen sie, dass jemand da ist, der sie unterstützt. „Es ist toll, wie freundlich die Menschen zu uns sind“, sagt Ammar. „Ohne Hilfe wären wir hier verloren, weil wir über Deutschland fast nichts wissen“, fügt Mohammad hinzu. Etwa 30 Asylbewerber leben momentan in Appen. Elf ehrenamtliche Betreuer helfen ihnen, den Alltag in ihrer neuen Heimat zu bewältigen. Um Hosram, Mohammad und Ammar kümmert sich Gerhard Scheib. Behördengänge, Einkäufe, Fahrdienste, Eröffnung eines Kontos, Versicherungsfragen – es gibt viel zu erledigen und Scheib hat inzwischen praktisch täglich Kontakt zu seinen Schützlingen. „Von vielen Dingen, die die Flüchtlinge bewältigen müssen, hatte ich vorher selbst nichts gehört“, berichtet er.

Die drei Syrer sahen keine Alternative zur Flucht. „In unserem Land hat man keine Zukunft und daran wird sich so bald nichts ändern“, erklärt Hosram, der zusammen mit seinem Freund Mohammad nach Deutschland gekommen ist. Beide studierten in Damaskus Maschinenbau – sofern, das überhaupt noch möglich war. Die beiden erzählen, dass auch auf die Universität Bomben fielen und Studenten auf dem Uni-Gelände starben. Ihre Ehefrauen ließen die beiden Freunde zurück. „Für sie wäre die Reise zu gefährlich gewesen“, sagt Hosram. Besonders der Weg von der Türkei nach Griechenland sei ein großes Risiko gewesen. Auf einem sieben Meter langen Boot wurden 14 Menschen transportiert. Ein Trip unter Lebensgefahr. „Wir hatten aber keine Alternative“, so Hosram.

Internetseite
für Benötigtes

Ammar kam aus Aleppo nach Appen. Dort tobt der Krieg noch schlimmer als in Damaskus. „IS, Rebellen, das Assad-Regime – hier treffen alle aufeinander“, berichtet er. Überall Scharfschützen, ständig fallen Bomben. Der Tod ist in Aleppo allgegenwärtig. „Eine Frau wurde zehn Meter neben mir von einem Scharfschützen mit einem Kopfschuss getötet“, sagt der 50-Jährige. Er musste seine Frau und vier Kinder zurücklassen. Genauso wie Hosram und Mohammad hofft Ammar, dass er seine Familie möglichst schnell nach Deutschland holen kann.

In Appen haben alle drei erst einmal das Ziel, die deutsche Sprache zu lernen. Dabei hilft ihnen die Gemeinde Appen, die Sprachkurse im Bürgerhaus anbietet. Doch nicht nur deshalb sind die Neuankömmlinge Teil des Dorflebens. Hosram spielt beim TuS Appen Fußball, Mohammad trifft sich mit deutschen Freunden, um gemeinsam Gitarre zu spielen. Gespendete Fahrräder stellen sicher, dass die Asylbewerber mobil sind. „Wir versuchen, die Integration zu erleichtern“, sagt Ulrich Rahnenführer, der die Flüchtlingshilfe in Appen koordiniert. Um etwas zu erreichen, ist viel Kreativität erforderlich. So soll eine Internetseite freigeschaltet werden, auf der die Migranten angeben sollen, was sie brauchen. Potentielle Helfer können aufführen, was sie zu verschenken haben. „So bringen wir Spender und Flüchtlinge zusammen“, erklärt Rahnenführer.
Lars Zimmermann